LEIPZIGER SYNÄSTHESIEN
Zwei Tage im Mai: Das Interzone-Festival für Improvisierte Musik und Videokunst. Beitrag von Robert Mießner






Freitag, 29.5.2026
„Schließt die Augen, dann könnt Ihr besser hören“, Valle Dörings Empfehlung, mit der er die diesjährige Ausgabe des Interzone-Festivals in der Leipziger Galerie KUB eröffnete, wollte man gerne befolgen; allein, es ging nicht. Dörings Instrument nämlich ist ein echter Hingucker: Bei seinem Lasermonium handelt es sich um ein hundertjähriges Harmonium, das der Komponist eigenwillig verdrahtet und ergänzt hat. Es dröhnt und leuchtet, wenn der Experimental- und Noiserock-Musiker Döring in die Tasten greift; es bringt den Raum zum Vibrieren und spricht alle Sinne an. Das Instrument hat es in sich; dass der Volksmund aus dem Harmonium, der Saugwindharmonika, wie sie einst genannt wurde, die „Halleluja-Pumpe“ machte, trifft es gut. Dörings Musik, zu hören auf dem Album „And other strange songs from the remote planets“ (Umland Records), ist so sakral wie sinister, sie schließt Science-Fiction und Spukhaftes ein.
Das Trio Stock/Kühne/Reinhardt steigt behutsam in sein Livedebüt ein und endet in einem deutlichen Ausbruch. In seiner Klangwelt leben viele Welten: Susanne Stock (Akkordeon) ist als Solistin und Kammermusikerin hervorgetreten, sie hat sich intensiv mit den Kompositionen des Malers Lyonel Feininger beschäftigt und arbeitet mit Literatur, beispielsweise den Texten Ingeborg Bachmanns. Almuth Kühne (Stimme) hat sich an einer Produktion von Bachs Weihnachtsoratorium wie auch an Konzerten und einem Album mit dem Noise-Musiker Joke Lanz und dem Modern Jazz-Drummer Alfred Vogel beteiligt. Heiner Reinhardt (Bassklarinette) ist bereits in den späten Siebzigerjahren mit dem Andreas Altenfelder Quintett auf den Leipziger Jazztagen aufgetreten, war und ist Mitglied im Manfred Schulze Bläserquintett, hat den Komponisten Georg Katzer interpretiert und arbeitet mit dem Maler Helge Leiberg und dem Gitarristen Lothar Fiedler zusammen. Ein diverser Erfahrungsschatz also! Stock/Kühne/Reinhardt erbringen den auf das Schönste knarzenden Beweis, dass Improvisierte Musik nicht auf die Pauke hauen muss.
Die Konzerte beginnen noch bei Tageslicht. Je weiter sich der Abend neigt, umso besser kommt das von der Künstlerin Inka Perl kuratierte Filmprogramm des Festivals zur Geltung. Perl hat abstrakt-geometrische Kurzfilme von Oskar Fischinger, Walter Ruttmann, Viking Eggeling u.a. zusammengestellt, die in den Konzertpausen im Innenhof der Galerie KUB auf eine Bühnenleinwand projiziert werden. Zwei Dinge fallen auf: Wenn die Musik dieses Festivals selbst eine bildliche Komponente hat, Stichwort Kino für die Ohren, dann ist Perls Auswahl Musik für die Augen. Dass diese Filme aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts stammen, mag man kaum glauben; sie wirken eher wie aus den Achtziger- und Neunzigerjahren.
Der Abschluss des Freitagabends gerät heftig rhythmisch und lautstark. Motusneu, das Trio von Bruno Angeloni (Altsaxophon), Stephan Keller (Kontrabass) und Steffen Roth (Perkussion), hat sich mit Els Vandeweyer (Vibraphon, Perkussion) und Hanne De Backer (Baritonsaxophon) in ein Quintett verwandelt. Durch das Album „Ospedale“ (Boomslang Records) kennt man Motusneu als leidenschaftliche und versierte Noise-Jazz-Musiker. Mit ihren Trio-Plus-Aktivitäten kommen noch überraschende Facetten hinzu. Vandeweyer bespielt ihr Vibraphon mit Plastikflaschen und weißen Handschuhen, an die sie Gummifüße von Stuhlbeinen befestigt hat. Der Klang ist der eines außer Rand und Band geratenen Glockenspiels, er korrespondiert frappierend mit den aberwitzigen Trommelfiguren Roths. Motusneu mit Vandeweyer und De Backer sind ein kühn temperierter, befreiender Radau.


Sonnabend, 30.5.2026
Der Sonnabend knüpft an die Körperlichkeit und Theatralik des Freitagabendausklangs an, wenn auch mit einem Soloauftritt. Auf den drei Veröffentlichungen seines Ideal Orchestras, „Live At Berghain“, „Vom Willen und Tod“ (Boomslang Records) und „Monument II“ (Bandcamp), demonstriert der Komponist Gellért Szabó, u.a. mit Susanne Stock und Valle Döring, wie berührend großformatige, konzertante Experimentalmusik klingen kann. Die räumlichen Möglichkeiten der Galerie KUB geben einen Orchesterauftritt nicht her, dafür bringt Szabó seine Radical Radio Show auf die Bühne. Er spielt elektrische Gitarre und nähert sich ihr mit einem Ventilator. Tatsächlich kostet Szabó das Spannungsmoment aus, wenn er das Gerät erst einmal einschaltet, präsentiert und die rotierenden Blätter langsam herunter und wieder in die Höhe führt, um sie erst dann auf die elektrischen Saiten treffen zu lassen. In dem schreddernden Klang wird einiges Ungemach versenkt. Im weiteren Ablauf verdrahtet Szabó sich selber und ruft eine Behördenhotline an. Es ist niemand zu erreichen.
Kammermusikalisch der Auftritt des Trios Lyse: Cellistin Lara Fleischer, Violinistin Ronja Sophie Putz, auch sie ist Mitglied in Gellért Szabóʼs Ideal Orchestra, und Keyboarder Vincent Meissner spielen eine Musik, der man das Zuhören der drei Beteiligten anhören kann. Das kann in einem Moment vorsichtig und im nächsten nachdrücklich klingen. Ein gemeinsames Album wäre schön, bis dahin seien empfohlen: Lara Fleischer mit Marina Schlaginweit (Elektronik) und Rabee Ismail (Violine) im Trio Knospen, Ronja Sophie Putz mit ihrem Solo-Album „Sogno/Suono“ (Tonkunst Manufaktur), Vincent Meissner im Trio SKlation mit „Prohlis Underground“ (Bandcamp) und Tectonic Triplet mit „Absturz im DingDong“ (SoundCloud).
Dass freie, Improvisierte Musik ihre Voraussetzungen hat, unterstreicht zum Abschluss des Festivals Heiner Reinhardts Holzbläserquartett: Seine Musik basiert auf graphischen Notationen, farbenfrohen und formenreichen Ideengebern, die an sich schon kleine Kunstwerke sind. Heiner Reinhardt (Bassklarinette) und Friederike Bartel (Altsaxophon), sie ist Mitbegründerin des Denied Square Quintets und ebenfalls bei Gellert Szabó aktiv, Fabian Niemann (Tenorsaxophon), er hat mit Günter „Baby“ Sommer, Christian Lillinger und Manfred Hering gearbeitet, und Christopher Kunz (Sopransaxophon) von dem jungen, offenen Duo Flut nehmen das Festival beim Wort und erkunden die Zwischenwelt des Bildnerischen und Akustischen.
Man möchte das alles so noch einmal hören und weiß, der Reiz dieser Musik liegt darin, dass das nicht geht. Das Fazit der zwei Tage Interzone 2026 bleibt: Schönheit ist möglich, aber unerhört. Robert Mießner
Videos von der INTERZONE gibt's auf unserem YOUTUBE-Kanal: https://www.youtube.com/@leipjazzige.v.3709



